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Der HERR rief Mose aus der Stiftshütte: Einführung in das dritte Buch Mose
Eröffnung · Ein Weg, der weitergeht
Wir haben etwa ein Jahr lang das zweite Buch Mose durchgearbeitet. Wenn wir schon so weit gekommen sind, gehen wir den Weg auch weiter. In diesem Halbjahr beginnen wir mit dem dritten Buch Mose.
Eines vorweg, liebe Geschwister: Sie dürfen sich entspannen. Wenn Ihnen unterwegs etwas einfällt, fragen Sie einfach. Was ich beantworten kann, beantworte ich; was ich nicht beantworten kann, notiere ich und trage es meinem Lehrer vor. Das ist der ehrliche Weg. Schon im Studium habe ich gemerkt: Kein Lehrer kann alle Fragen beantworten. Fragt man den Neutestamentler etwas aus dem Alten Testament, hört man oft: „Das ist nicht mein Gebiet, fragen Sie den Alttestamentler." Damit überspielt er seine Verlegenheit. Und es stimmt ja auch: Jeder sieht von einem anderen Punkt aus, die Auffassungen gehen auseinander, und wie man die Schrift liest, hat immer etwas mit dem zu tun, was einem selbst geschenkt worden ist.
Dieser Samstagskreis hat einen Vorzug: Wir gehen zusammenhängend vor, ein Buch nach dem anderen, ein Kapitel nach dem anderen. So wird das Bibellesen nicht zum Springen — hier ein Stück gehört, dort ein Stück bedacht, und am Ende ist der ganze Zusammenhang zerfallen. Das wäre schade.
Wer heute zum ersten Mal dabei ist, braucht sich keine Sorgen zu machen. Irgendwann muss man ein solches verrücktes Wagnis zum ersten Mal eingehen. Vorhin sagte mir ein Bruder, das dritte Buch Mose sei hart, wie eine Eisenplatte. Ich weiß. Gerade weil ich es weiß, habe ich eine Übersicht vorbereitet und ausgeteilt. Ich werde mich nicht unbedingt daran halten; das Blatt ist eine Zusammenstellung des Materials, das ich hier liegen habe. Was wir aus Zeitgründen nicht besprechen, können Sie zu Hause nachlesen. Das Wichtigste bleibt, dass wir zur Schrift selbst zurückkehren und von ihr aus fragen, wie es weitergeht.
Wie die Gemeinde das dritte Buch Mose sieht
Vor dem Beginn habe ich eine kleine Umfrage gemacht und gefragt, welchen Eindruck das dritte Buch Mose bei Ihnen hinterlassen hat.
Einer sagte, es gehe darin um Opfer, es gebe fünf Opferarten, und die Heiligkeit werde besonders betont — daraus ergebe sich ein wichtiges Thema. Ich fragte nach: Verstehen Sie es denn? Die Antwort war: dem Wortlaut nach schon. Und was mache ich nun damit? Mir geht es genauso wie Ihnen: Den Wortlaut versteht man, aber man kann nicht sagen, was man eigentlich verstanden hat.
Ein anderer sagte, das Buch handle davon, wie man opfert und welches heilige Leben die Priester führen sollen. Dieser Bruder ging noch einen Schritt weiter: Das dritte Buch Mose lässt uns verstehen, welcher Maßstab im Hause Gottes gilt und wie ein heiliges Leben in Gottes Augen aussieht. Viele Ordnungen darin gelten für uns heute nicht mehr unmittelbar, und wir tragen auch kein Priesteramt; aber dem geistlichen Sinn nach ist die Heiligkeit, die Gott fordert, nicht verhandelbar. Er sagte: Was mit der „Eisenplatte" gemeint ist, ist wohl genau das — was dieses Buch fordert, ist Eisen.
Ich fragte weiter: Ist dieses Buch für uns geschrieben oder für die Leviten? Die Antwort war: Ursprünglich wohl für die Leviten, damit sie lernen; aber auch für das Volk Gottes, denn das Opfer ist nicht allein Sache der Priester, es geht das Volk an.
Eine Schwester sagte, das dritte Buch Mose schließe unmittelbar an das zweite an: Gott will, dass sein Volk nicht mehr so lebt wie früher in Ägypten, sondern ein Leben heiliger Anbetung führt — und er sagt seinem Volk selbst, wie es ihn anbeten soll.
Diese Antworten treffen alle den Kern. Das Erste, woran man denkt, ist meist das Priesteramt; nimmt man aber nur das als Maßstab, wird es zu eng. Das dritte Buch Mose ist das, was Mose nach dem Empfang von Gottes Wort an das ganze Volk weitergegeben hat. Darauf komme ich gleich zurück.
Die Tora ist mehr als Gesetz
Der Pentateuch sind die ersten fünf Bücher: 1. Mose, 2. Mose, 3. Mose, 4. Mose, 5. Mose. Wir nennen sie die Tora, auch die Bücher des Gesetzes.
Das Wort „Gesetz" geht uns leicht über die Lippen, aber es wäre besser mit „Richtschnur für das Leben" oder „Richtschnur des Glaubens" wiedergegeben. Tora meint nicht nur Einschränkung; sie hat den Charakter einer Wegweisung, sie ist ein Handbuch. Vom ersten Buch Mose an, das den Ursprung des Menschen und den Grund seiner Sünde erklärt, bis zum Ende des fünften Buches, wo dem Volk vor dem Einzug in das verheißene Land Kanaan eingeschärft wird, wie die zweite Generation leben soll — die Aufgabe des ganzen Werkes ist Wegweisung.
Das Gesetz macht uns viel zu schaffen, weil wir vom Römerbrief geprägt sind und uns merken: der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Ich habe eine Zeit lang in Spanien gelebt und dort gemerkt, dass die Geschwister mit diesem Gedanken durcheinandergeraten: Ich muss ja nur an Jesus glauben; und wer die Eintrittskarte zum Heil einmal hat, darf offenbar tun, was er will. Ich meine das ernst, so wird es gesagt. So ist es aber nicht.
Wie führt man im Hause Gottes, wie führt man im Lauf eines Lebens ein reiches Leben? Und selbst weltlich gefragt: Was heißt Wohlstand? In Gottes Augen müssen Reichtum und Fülle neu bestimmt werden; mit dem, was man am Geld von außen sieht, hat das gewiss nichts zu tun. Eine solche Wegweisung für das Leben brauchen die Menschen im Hause Gottes gerade in dieser Zeit.
Tora meint nicht nur Einschränkung. Sie hat den Charakter einer Wegweisung — sie ist ein Handbuch.
Was die hebräischen Buchtitel verraten
Wenn ich über den Pentateuch spreche, erwähne ich gern einen Gedanken: was diese fünf Bücher bedeuten, wenn man sie mit hebräischen Augen ansieht.
Die Hebräer benennen ein Buch ganz einfach: Man schlägt den ersten Satz auf, und der Name steckt in den ersten Worten.
Das erste Buch Mose heißt auf Hebräisch „Im Anfang" (בְּרֵאשִׁית, Bereschit). Schlagen Sie das erste Wort der Bibel auf, dort steht es.
Das zweite Buch Mose heißt „Diese Namen" (שְׁמוֹת, Schemot), nach dem ersten Vers: „Dies sind die Namen der Söhne Israels." Der Schwerpunkt des zweiten Buches liegt also nicht auf dem Prinzen Mose nach Hollywood-Art, der das Volk mit Wundern aus Ägypten führt. Beim Durchgang durch das zweite Buch habe ich es immer wieder betont: Der Schwerpunkt liegt hinter Kapitel 19 — wie Gott ihrer Namen gedenkt, und wie ihre Namen in seiner Gegenwart mit auf dem Weg ins verheißene Land sind. Ihre Namen sind wichtig.
Und das dritte Buch? Manche raten „Stiftshütte", manche „Priester", manche „Opfer" — alles falsch. Der hebräische Name lautet „Und er rief" (וַיִּקְרָא, Wajikra). Dieses Wort ist von großem Gewicht, denn Gott ruft Mose aus der Stiftshütte. Der Gedanke dieses ganzen Buches ist nicht von Menschen ersonnen: Gott ruft Mose, damit er ihm nahe.
Der Gedanke dieses ganzen Buches ist nicht von Menschen ersonnen. Gott ruft Mose, damit er ihm nahe.
Das vierte Buch Mose heißt „In der Wüste" (בְּמִדְבַּר, Bemidbar). Es erzählt vom ganzen Leben des Volkes in der Wüste, von allem Großen und Kleinen, was ihm dort begegnet. Die Wüste ist kein bequemer Ort. Unten im Haus gibt es keinen Laden; wer Hunger hat, kann sich nicht eben etwas holen. In der Wüste lauern schwere Versuchungen — die Hitze, die wilden Tiere, alles zugleich; es ist ein Ort, an dem Menschen nicht wohnen können. Liebe Geschwister: Unser Leben wächst immer in der Not, nie in der Bequemlichkeit. Diesen Gedanken kennt die Schrift nicht.
Viele denken: Wenn ich erst dieses erledigt habe, wenn jenes fertig ist, wenn diese Schwierigkeit gelöst ist, dann kann ich in Ruhe über Gottes Wort nachdenken. Das ist ganz und gar selbst ausgedacht; die Schrift sieht es anders. Sie sagt vielmehr: In jeder Gefahr und jeder Not der Wüste werfen wir uns mit Gottes Wort hinein, wie man in seine Arme springt, denn bei ihm allein ist wirkliche Kraft und wirkliche Gegenwart.
Wenn es also im Leben eine Wüste gibt, danken Sie Gott dafür. Danken Sie ihm bloß nicht dafür, dass Ihr Leben ohne Wüste bleibt — das wäre Erfolgstheologie. Erfolgstheologie heißt: Ich bekomme, was ich will, und beweise mit dem Wohlstand, den Gott mir gibt, dass ich ein erfolgreicher Mensch bin, auch im Glauben erfolgreich. Diesen Gedanken kennt die Schrift nicht. Jesus selbst wurde vierzig Tage in der Wüste versucht; dreißig Jahre lang blieb er verborgen und trat erst in den Dienst, als er den Vorschriften des Gesetzes entsprach. Auch Paulus hatte seine Wüste: Nachdem er erblindet war, zog er nach Arabien und kehrte dann nach Damaskus zurück; erst drei Jahre später ging er nach Jerusalem hinauf (Gal 1,17-18). Das alles sagt uns: Wenn es im Leben eine Wüste gibt, danken Sie Gott auch dafür.
Aber, liebe Geschwister: Die Wüste ist nicht unsere Endstation. Diesen Übungsplatz des Lebens werden wir am Ende wieder verlassen.
Das fünfte Buch Mose heißt „Worte" (דְּבָרִים, Devarim) — die Worte, die der HERR geredet hat, noch einmal gesagt. Es ist die eindringliche Mahnung an das Volk vor dem Einzug in das verheißene Land, denn sobald sie dort sind, werden die Sitten jenes Landes sie restlos angleichen.
Ein durchgehender Faden durch die fünf Bücher
Reiht man die fünf Bücher aneinander: Im Anfang schuf Gott; er gedenkt ihrer Namen; darum ruft er sein Volk herzu, damit es ihm nahe; und das alles, damit es in der Wüste sein Wort neu erfährt. Durch den Pentateuch läuft ein durchgehender Faden.
Ich lese den Pentateuch gern mit hebräischem Denken, weil es uns aus den gewohnten Rastern heraushilft. Nach heutiger Vorstellung: Wovon handelt das vierte Buch Mose? Vom Zählen des Volkes. Das ist gewiss auch ein Thema, aber es übersieht eine grundlegendere Achse — die Stiftshütte als Mitte.
Streng genommen sind das zweite und das dritte Buch Mose ein einziges Buch. Die Anbetung steht in der Mitte, und erst danach kommt die Frage, wie man kämpft und wie man in der Welt lebt. Liebe Geschwister, verständlicher gesagt: In der Welt zu leben ist wie Krieg führen. In meiner Familie sind einige Lehrer, andere in der Versicherung. Meine Eltern waren in der Versicherung und im öffentlichen Dienst; meine Mutter sagt, ihr Rücken sei kaputt, die Wirbelsäule, vom vielen Sitzen auf der Bank von damals. Man sitzt auf seinem Stuhl, und im Inneren ist Krieg. Der Alltag mit allem, was dazugehört, der Spott der anderen, die spitzen Bemerkungen, und dazu jede Seite des Lebens — alles ist wie ein Krieg. Gerade darum ist eine Richtschnur für das Leben, eine Wegweisung für das Leben, so kostbar.
Ich frage mich oft: Komme ich in die Gemeinde, um dies zu hören und jenes zu sagen — oder um wirklich zu erfahren, was Gott mir sagen will? Ein Jahr lang habe ich das zweite Buch Mose gelesen; wenn ich den Anschluss an das dritte nicht finde, bricht die Arbeit dieses Jahres auf halbem Weg ab.
Wolke und Herrlichkeit am Ende des zweiten Buches Mose
Der hebräische Text von 3. Mose 1,1 beginnt mit einem Bindewort und schließt damit unmittelbar an das Vorhergehende an. Luther hat diese Verbindung stehen lassen: „Und der HERR rief Mose." Viele Übersetzungen — die chinesische Unionsübersetzung zum Beispiel — lassen sie weg. Achten Sie also auf dieses kleine „Und": Und der HERR rief Mose aus der Stiftshütte.
Dieses eine Wort sagt uns: Das dritte Buch Mose steht nicht für sich allein, es will zusammen mit dem zweiten gelesen werden.
Der letzte Abschnitt des zweiten Buches Mose lautet so:
2. Mose 40,34-38 Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung. Und Mose konnte nicht in die Stiftshütte hineingehen, weil die Wolke darauf ruhte und die Herrlichkeit des HERRN die Wohnung erfüllte. Und immer, wenn die Wolke sich erhob von der Wohnung, brachen die Israeliten auf, solange ihre Wanderung währte. Wenn sich aber die Wolke nicht erhob, so zogen sie nicht weiter bis zu dem Tag, an dem sie sich erhob. Denn die Wolke des HERRN war bei Tage über der Wohnung, und bei Nacht ward sie voll Feuers vor den Augen des ganzen Hauses Israel, solange die Wanderung währte.※ Luther unterscheidet hier genau wie das chinesische Original zwischen „Stiftshütte" (Zelt der Begegnung) und „Wohnung" — auf dieser Unterscheidung baut der Prediger weiter unten seinen ganzen Abschnitt auf.
Am Ende des zweiten Buches gibt Gott uns ein Bild: Das Volk steht vor der Wüste, und den ganzen Weg über ist der Schutz des HERRN da — bei Tag die Wolkensäule, bei Nacht die Feuersäule. Für Menschen, die im Glauben leben, ist das wichtig. Am Tag haben wir vielleicht unsere Schwierigkeiten; nachts wird der Lärm im Inneren noch lauter. Auf dem Weg des Lebens kommt es einem vor, als könne man aus eigener Kraft nichts ausrichten — und doch steht immer eine Wolke schützend vor uns, und immer ist da eine Wärme, die uns trägt, wenn uns kalt wird. Für das ganze Haus Israel war das damals ein Schutz, den man mit Augen sah, vierundzwanzig Stunden lang, vor ihren Augen.
Mose konnte nicht in die Stiftshütte gehen
Aber hier ist etwas, das Ihnen vielleicht entgangen ist: Konnte Mose in die Stiftshütte hineingehen?
Die Schrift sagt es klar: Mose konnte nicht hineingehen. Denn wo die Herrlichkeit des HERRN sich niederlässt, kann kein Mensch ihr nahekommen. Selbst Mose nicht, der größte Prophet Israels, der so viele Wunder getan hat.
Das ist die entscheidende Voraussetzung. Denn im nächsten Vers ruft der HERR Mose aus der Stiftshütte herzu. Hätte der HERR ihn nicht gerufen und einen Weg gebahnt, den er selbst bereitet hat, so könnte kein Mensch diesem heiligen, diesem herrlichen Herrn in der Stiftshütte begegnen.
Hätte der HERR nicht einen Weg gebahnt, so könnte kein Mensch diesem heiligen, herrlichen Herrn in der Stiftshütte begegnen.
Stiftshütte und Wohnung · Ort der Begegnung, abbaubares Haus
Für alle, die heute zum ersten Mal dabei sind, erkläre ich kurz, was die Stiftshütte ist.
Im Hebräischen stehen zwei Wörter, die Luther mit „Stiftshütte" und „Wohnung" wiedergibt. Das erste (אֹהֶל מוֹעֵד, ohel mo'ed) heißt wörtlich „Zelt der Begegnung" — der Ort, an dem man einander begegnet, der Ort der Zusammenkunft. Und „Zelt" heißt wirklich Zelt. Haben Sie einmal einen Zirkus gesehen? Ich als Kind schon; es ist wie das Zelt, das ein Zirkus aufschlägt. Beim zweiten Buch Mose haben wir viel Zeit darauf verwendet: außen die Vorhänge ringsum, und drinnen ist das Zelt noch einmal in Kammern abgeteilt.
Das zweite Wort (מִשְׁכָּן, mischkan) hat die Wurzel „wohnen" und meint die Wohnstatt Gottes. Luther sagt schlicht „Wohnung" — der Ort, an dem er wohnt, sein Haus. Das Besondere daran: Man kann es jederzeit abbauen, wie ein Lego-Bauwerk. Im vorigen Kapitel hieß es: Sobald die Wolke sich erhebt, bricht das Volk auf; und sobald es aufbricht, zieht dieses Haus mit um.
Gott zieht ständig um. Aber nicht so wie wir: Wir ziehen um, damit wir größer und bequemer wohnen. Er zieht um, damit sein Volk durch alle Not der Wüste hindurchgeht und dort lernt, wer er ist — damit es nach Kanaan kommen kann, in das Land, das er wirklich verheißen hat. Sobald sich also die Wolke erhob, wussten die Leviten, dass ihr Dienst begann: den goldenen Leuchter, den goldenen Räucheraltar, den ehernen Brandopferaltar, das Becken — alles wurde abgebaut und war jederzeit beweglich. Warum? Weil es weitergeht in das verheißene Land.
Ich denke oft: Wenn Gottes Wohnung jederzeit zum Aufbruch bereit ist, mein Glaube sich aber an einem Ort einrichten will, an dem sich nichts mehr ändern muss — folge ich ihm dann eigentlich, oder bitte ich ihn, sich nach mir zu richten?
Heilig, gewöhnlich, rein, unrein
Gott ruft Mose und sagt ihm von sich aus: „Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen …" 3. Mose 1,2 Darin steckt ein wichtiger Gedanke: Gott redet durch Mose zu den Israeliten. Dieses Buch geht also jeden Einzelnen von uns an. So steht es in der Schrift: Sie redet nicht nur zu denen, die dienen wollen, nicht nur zu Hauskreisleitern, nicht nur zu denen, die ein wichtiges Amt in der Gemeinde tragen. Sie redet zu jedem von uns.
Nur eben: Ruft Gott den Mose nicht, so kann kein Mensch ihm nahen — das ist der Gedanke des Mittlers. Darüber haben wir beim zweiten Buch Mose schon gesprochen: Die Israeliten fürchteten sich, den HERRN reden zu hören, denn wenn er spricht, ist es wie Donner und Blitz. Sie sagten: „Rede du nicht mit uns; rede du, Mose, mit uns, das genügt." Daher rührt der Gedanke des Priesters, und daraus ist bis heute der Fürbitter und der Wächter geworden — also die Hauskreisleiter, die Hirten im Kleinen, die Bezirksleiter, die Pastoren, die Mitarbeiter.
Der Schlüssel zum ganzen Buch liegt in Kapitel 10, Vers 10. Er gehört zu einer traurigen Geschichte: Sie geschah an der zweiten Generation im Haus des Priesters, die Gottes Ordnungen nicht hielt und dafür erschlagen wurde. Wenn Sie sich nur einen einzigen Vers merken, dann diesen:
3. Mose 10,10 Ihr sollt unterscheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein ist,※ Luther setzt hier „unheilig". Der hebräische Begriff (ḥol) und die vom Prediger benutzte chinesische Unionsübersetzung meinen aber das Gewöhnliche, Alltägliche — und genau darauf ruht sein ganzer folgender Abschnitt. Lesen Sie „unheilig" also im Sinne von „nicht ausgesondert, alltäglich", nicht im Sinne von „gottlos".
Diese Worte sind an Aaron gerichtet; der nächste Vers fährt fort:
3. Mose 10,11 und Israel lehren alle Ordnungen, die der HERR ihnen durch Mose verkündet hat.
Der Sinn ist klar: Aarons Söhne sind gerade die, die auf dieses Wort nicht gehört haben. Wenn wir also das dritte Buch Mose studieren, geht es streng genommen um eine einzige Sache — um die Arbeit des Unterscheidens. Es ist ein Unterscheiden zur Heiligkeit hin.
„Unheilig" heißt: alltäglich
Schreiben Sie neben das Wort „unheilig" ruhig ein zweites: alltäglich. Das hebräische ḥol heißt schlicht „gewöhnlich".
Im Deutschen wie im Chinesischen schwingt in solchen Wörtern eine Abwertung mit — „unheilig" klingt nach gottlos, „profan" nach billig. Die Schrift wertet hier nicht ab; sie sagt einfach: das Alltägliche. Sie sollen unterscheiden, was heilig ist und was alltäglich; Sie sollen unterscheiden, was rein ist und was unrein. Dieses Unterscheiden ist das Unterscheiden zur Heiligkeit, und aus ihm ergeben sich alle Themen des Buches: das Thema der Opfergaben, das Thema der Priester, das Thema des Feuers, das Thema der Herrlichkeit — und das Thema, das keiner gern hört, das Thema des Blutes.
In der Gemeinde von heute ist dieses Unterscheiden schwer geworden. Als ich nach Taiwan zurückkam, merkte ich, dass es nicht mehr viele so altmodische Leute gibt wie uns. Den Jungen erscheinen wir zu geregelt, zu voller Vorschriften. Schon bei der Frage, in welcher Form die Anbetung musikalisch geschehen soll, habe ich meine eigene Auffassung. In dieser Welt kommt man am besten an, wenn man gar nicht unterscheidet und alles ineinander verrührt. Denn je größer die Grauzone, desto erfolgreicher gilt man als Mensch: je höher die Toleranz, je weiter die Nachsicht, desto mehr Liebe soll das sein. So sieht es die Welt.
Wenn man also in der Gemeinde sieht, wie Geschwister dies und jenes tun, kann man manchmal weder reden noch schweigen. Was wir lernen müssen, ist, in Liebe die Wahrheit zu sagen — und genau das ist eine Übung im Unterscheiden. Und das müssen nicht nur die lernen, die schon lange in der Gemeinde sind: Jeder von uns hat in dieser Welt die Arbeit des Unterscheidens zu tun.
Ein ganz alltägliches Beispiel: Ist die Zeit etwas Alltägliches? Sehr alltägliches. Sie sehen die Uhr ticken und leben in mechanischer Zeit. Wenn Sie aber eine Spanne Zeit allein Gott geben, wird aus dieser Uhrzeit die Zeit Ihrer Gemeinschaft mit ihm — und dann ist sie nicht mehr alltäglich. Im Alltäglichen steckt also auch das Nichtalltägliche. Genau das sollen wir lernen.
Im Alltäglichen steckt auch das Nichtalltägliche. Genau das sollen wir lernen.
Das Unreine überträgt sich leichter als das Heilige
Noch eine Frage: Was überträgt sich im Alten Testament schneller — das Reine oder das Unreine?
Die Antwort: das Unreine überträgt sich schneller. Im zweiten Kapitel des Haggai steht dazu eine merkwürdige Stelle; ich lese sie Ihnen vor:
Haggai 2,10-13 Am vierundzwanzigsten Tage des neunten Monats, im zweiten Jahr des Darius, geschah des HERRN Wort zu dem Propheten Haggai: So spricht der HERR Zebaoth: Frage die Priester nach dem Gesetz und sprich: Wenn jemand heiliges Fleisch trüge im Zipfel seines Kleides und berührte danach mit seinem Zipfel Brot, Gekochtes, Wein, Öl oder was es für Speise wäre, würde es auch heilig? Und die Priester antworteten und sprachen: Nein. Haggai sprach: Wenn aber jemand durch Berührung eines Toten unrein wäre und eins davon anrührte, würde es auch unrein? Die Priester antworteten und sprachen: Es würde unrein.
Sehen Sie es? Das Heilige überträgt sich nicht auf das Alltägliche, das Unreine schon. Im Denken des Alten Testaments ist die Kraft der Unreinheit sehr groß. Selbst wo Heiliges vorhanden ist, dürfen Sie es nicht mit Unreinem berühren — und der Preis dafür ist, dass Gott Sie schlägt.
Darum zieht Gott eine Grenze der Heiligkeit, scharf wie eine Frontlinie, damit niemand mit Unreinem eindringt. Was also tun? Bleibt dem Menschen nichts, als in seinem unheiligen Zustand zu leben? So sagt es die Schrift nicht. Das dritte Buch Mose sagt uns: Gott hat einen Weg gebahnt — nach seiner Weise, durch die Opferriten, die er selbst festgesetzt hat. Daher kommt überhaupt der Ritus. Der Ritus hilft uns, nach Gottes Sinn unsere Unreinheit rein zu machen. So denkt das Alte Testament.
Das Heilige überträgt sich nicht auf das Alltägliche. Das Unreine schon.
Die Wende im Neuen Testament
Im Neuen Testament aber bricht Jesus diese Regel vollständig.
Der Aussätzige in den Evangelien war unrein. Hat Jesus ihn angerührt? Er hat. Die Frau mit dem Blutfluss war nach dem dritten Buch Mose unrein; sie rührte den Saum seines Gewandes an — und was geschah? Wurde Jesus unrein, oder wurde die Quelle ihres Blutflusses von Gottes Heiligkeit geheilt? Sie wurde geheilt. Die Richtung hat sich vollständig umgekehrt.
Eine Stimme aus dem Kreis sagte, das sei ein großer Hinweis: Was sich schneller überträgt, das Heilige oder das Unheilige — hier kehrt sich zwischen Altem und Neuem Testament alles um, und das war ihr bisher nicht bewusst. Ja, das ist eine sehr große Wende. Eine Berichtigung muss ich hier nachschieben: Im Bibelkreis sagte ich „die größere Kraft"; das war ein Versprecher. Gemeint war: Es überträgt sich schneller. Denn eine Ordnung zu zerstören geht schnell, sie wiederherzustellen dauert lange.
Eines muss aber klar sein: Jesus hat nichts getan, was dem Gesetz des HERRN zuwiderliefe; er ist selbst dieser Weg geworden. Darum dürfen wir freimütig vor Gott treten. Das Gesetz des Alten Testaments zieht die Grenze der Heiligkeit; Jesus Christus im Neuen öffnet den Weg hindurch. Durch sein Blut am Kreuz und durch seine Erlösung wird der Unreine, der in ihn hineingeht, im Gegenteil rein. Das ist die große Umkehrung gegenüber dem Alten Testament — und der wichtigste Weg, den das dritte Buch Mose eröffnet.
Ich frage mich oft: Halte ich in meinem Alltag diese Grenze der Heiligkeit — oder habe ich sie längst verwischt und nenne das dann Weitherzigkeit?
Das dritte Buch Mose als Gebrauchsanweisung fürs Leben
Zurück zum Buch selbst: Es ist wirklich nicht leicht zu lesen, denn es besteht ganz aus Reinheitsordnungen und Ritualvorschriften. Dass ich so weit ausgeholt habe, hat einen Grund: Braucht ein Leben ein Handbuch? Das dritte Buch Mose ist dieses Handbuch. Gott will uns darin lehren, das Rad des Lebens nach seinem Sinn in Gang zu bringen.
Wir haben früher oft Möbel zum Selbstaufbauen gekauft; in der Studienzeit war das der beste Freund. Ob Sie schon einmal etwas zusammengebaut haben? Ich gebe zu, ich habe es irgendwann aufgegeben, weil ich die Schrauben immer schief hineindrehe. Ich fragte einen Bruder: Schauen Sie beim Aufbauen in die Anleitung? Er sagte: Am Anfang muss man. Ich fragte weiter: Und wenn alles fertig ist, starren Sie dann weiter in die Anleitung? Er sagte: Nein.
Beim dritten Buch Mose ist es anders. Sie dürfen es als die Anleitung zum Zusammenbau des Lebens verstehen — nur will Gott, dass wir in diese Anleitung immer wieder hineinsehen. Genau darum ist das Buch so schwer zu lesen: Seine Ritualvorschriften schicken einen ständig zurück, und Erzählung enthält es kaum.
Wir Christen sagen gern: „Ich lese die Bibel wie ein Geschichtenbuch." Beim dritten Buch Mose fallen dann alle um, denn es ist keine Geschichte. Daran zeigt sich, ob unsere Lesegewohnheit eine Korrektur braucht: Lesen wir die Schrift, um am Trubel der Geschichten teilzuhaben, oder um Gottes Richtschnur zu sehen?
Niemand liest die Anleitung weiter, wenn das Möbel steht; so ist der Mensch nicht. Das dritte Buch Mose zu lesen widerspricht also von vornherein unserer Gewohnheit, und das deutet auf etwas hin: Sie müssen über viele für selbstverständlich gehaltene Gewohnheiten hinausgehen, um in dieses Buch hineinzusehen. Es ist voll ritueller Sprache und festgesetzter Zeiten; es will nicht als Geschichte gelesen, sondern im Vollzug gehorsam getan werden. Unter so trockenen Bedingungen lehrt die Schrift und lässt Sie im Gehorsam begreifen.
Eine Schwester fragte mich: Warum sind diese Tiere so arm dran, warum müssen sie immer geschlachtet werden? Ich beantworte das hier gleich mit. Weil die Sünde so furchtbar ist, dass nur Leben sie ersetzen kann. Gott drückt die Furchtbarkeit der Sünde durch ein Verlöschen von Leben aus, das man kaum mit ansehen kann. Wenn ein Mensch im Ritus Rind und Schaf schlachtet und dem Vogel den Kopf abknickt, soll er gerade an diesen Handgriffen erkennen, wie furchtbar Sünde ist.
Gibt es dafür eine Begründung? Nein. Gott erklärt es Ihnen nicht. Wenn er Sie handeln heißt, lässt er Sie im Handeln erfahren, wie furchtbar Sünde ist. Denn nach Ihrer Vernunft würden Sie es gewiss nicht tun. Unter den Bedingungen des Ritus fragt der Mensch darum immer wieder: Warum muss das so sein? Liebe Geschwister, diese Frage lässt sich nicht weitertreiben, denn Gott hat dafür keinen Raum gelassen. Seine Antwort ist knapp: Ihr sollt unterscheiden, was heilig ist und was alltäglich, was rein ist und was unrein.
Wir Protestanten sprechen am wenigsten gern über Riten. Was ich jetzt sage, soll uns nicht zur katholischen Kirche oder zum Judentum zurückführen; es soll uns nachdenken lassen: An welchen Stellen des Lebens zeigt der Ritus sein Gewicht?
Ich habe im Kreis gefragt und bekam zur Antwort: die Trauung, und die Taufe, weil sie so feierlich sind. Ja: In der Gemeinde gibt es die Taufe, die Kindersegnung, die Aussendung, die Ordination — und die Beerdigung. Von allen Riten ist keiner feierlicher als die Beerdigung. Denn je feierlicher, je genauer nach der Ordnung Sie es tun, desto anders sind Ehrfurcht und Herrlichkeit, die daraus hervorgehen. Bei einer Beerdigung nimmt es niemand auf die leichte Schulter. Je würdiger Sie sich verhalten, desto größer ist Ihre Achtung vor dem Verstorbenen.
Bei der Trauung ist es genauso. Wie eine Trauung vorbereitet wird, und dann der Augenblick, in dem der Ring übergestreift wird — du in mir, ich in dir, beide eins geworden —, dort wird ein heiliger Bund geschlossen. Bei der Ordination ebenso. Man kann nicht irgendwohin zu einer Freizeit fahren und als Pastor zurückkommen. Die Einsegnung eines Hirten braucht mehr Segen; sie braucht die Bitte, dass Gott in diesem Vorgang bei uns ist.
Ein weltliches Beispiel genügt. Am stärksten ist mir die Hochzeit von Prinzessin Diana im Jahr 1981 in Erinnerung, weltweit übertragen. In der Londoner St Paul's Cathedral zog vor allem die Schleppe meinen Blick auf sich, sieben Meter sechzig lang. Dazu die Musik — der Bach Choir sang, die Sopranistin Kiri Te Kanawa sang „Let the Bright Seraphim" aus Händels „Samson", und alle waren festlich gekleidet. In diesem Augenblick erschien die Ehe als etwas Heiliges und Schönes. Aber wir kennen auch das Ende dieser Geschichte. Die Untreue in dieser Ehe führte zuletzt in einen traurigen Ausgang.
Ein feierlicher Ritus trägt nicht, wenn ihm die Liebe und die Einsicht fehlen, die mit der Heiligkeit verbunden sind.
Das dritte Buch Mose sagt uns dasselbe: Ihr habt den äußeren Ritus, aber das Wichtigste ist, dass durch den Ritus das Volk Israel geübt wird — ob es Gottes Wort wirklich gehorchen kann. Das sind zwei Seiten einer Sache.
Auch im Kleinsten geheiligt
Kommt Ihnen an dieser Stelle der Gedanke, Gott rede zu viel hinein? Das dritte Buch Mose regelt jede Seite des Lebens: den Umgang miteinander, den Leib, die Tage, sogar wo Sie Ihre Notdurft verrichten. Ehrlich gesagt: Wenn Ihnen Gott dabei herrisch und unvernünftig vorkommt, ist das eine normale Reaktion, denn es widerspricht unserer Natur.
Genau das will das Buch uns sagen: Gott will, dass wir im Leben nicht nur im Großen, sondern bis ins Kleinste geheiligt sind. Nicht nur in den großen Dingen ausgesondert, sondern auch in den kleinsten.
Der diesjährige Chinesische Kongress für Weltevangelisation ist gerade in Malaysia zu Ende gegangen; Rev. Edmund Chan hat dort sehr gut gesprochen. Ich habe seine Predigt ins Chinesische übersetzt und auf meine Website gestellt. Ein Satz von ihm ist es wert, behalten zu werden: Was Gott von uns will, ist nicht das Äußere, nicht die Größe unseres Werkes; ihm liegt mehr daran, ob wir in unserem Alltag seinem Wort gehorchen können. Liebe Geschwister, viele von uns bringen den Gehorsam in der Gemeinde zustande, im Alltag aber nicht.
Von der negativen Seite her frage ich: Warum soll ich mir das vorschreiben lassen? Von der positiven Seite her: Wer im Kleinsten nicht geheiligt ist, an dem zeigt sich der Glaube an Gott nicht, und er kann auch nicht freimütig vor Gott treten — die Scheidewand bleibt stehen.
Ich frage mich oft: Ist der Mensch, der in der Gemeinde Gott gehorcht, derselbe wie der, der zu Hause, im Büro und in den unbeobachteten Kleinigkeiten lebt?
Vorhin bat ich Sie, auf das kleine „Und" zu achten; jetzt kommt ein zweites Wort dazu: Opfer.
Das hebräische Hauptwort für Opfergabe ist קָרְבָּן (qorban), gebildet vom Zeitwort קָרַב (qarab), und das heißt „nahe kommen, sich nahen". Merken Sie sich das unbedingt, denn wenn dieses Wort einmal aufgeschlossen ist, verstehen Sie den Römerbrief.
Opfern heißt: Wie komme ich nahe? Es ist nicht bloß eine Zeremonie; der innere Beweggrund ist, wie ich Gott nahe komme. Wir haben es zu Beginn gesagt: Ruft Gott nicht, so kann kein Mensch bei der Heiligkeit sein. Darum macht Gott durch seine Ordnungen das Nahekommen möglich.
Und was ist dann die Opfergabe? Sie ist das Geschenk, durch das ich Gott nahe kommen darf. In heutige Sprache übersetzt sind die Opferordnungen die Ordnungen dafür, wie man Gott nahe kommt; und die Opfergabe ist das Geschenk, mit dem ich nahe kommen darf — ein Geschenk, das Gott selbst bereitgestellt hat.
Opfern heißt: Wie komme ich nahe? Es ist nicht bloß eine Zeremonie; der innere Beweggrund ist, wie ich Gott nahe komme.
Noch einmal: 3. Mose 1,1-2
Lesen wir es nun noch einmal:
3. Mose 1,1-2 Und der HERR rief Mose und redete mit ihm aus der Stiftshütte und sprach: Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Wer unter euch dem HERRN ein Opfer darbringen will, der bringe es von dem Vieh, von Rindern oder von Schafen und Ziegen.※ Luther bewahrt das anfängliche „Und", das viele Übersetzungen — auch die vom Prediger benutzte chinesische Unionsübersetzung — weglassen. Deutsche Leser sehen den Anschluss an das zweite Buch Mose also unmittelbar im Text.
In heutiger Sprache: Der HERR ruft Mose selbst von dem Ort her, an dem er den Menschen begegnet — aus der Stiftshütte —, und sagt ihm: Sage dem Volk Israel in meinem Namen: Wer unter euch Gott nahe kommen will, der bringe das Geschenk, mit dem man ihm naht. Das ist ein Bedingungssatz. Wer nicht nahe kommen will, dem ist nicht zu helfen; wer aber nahe kommen will, der wähle dieses Geschenk aus den Rindern und dem Kleinvieh aus und bringe es vor den HERRN.
Damit versteht man den Satz.
Vom toten zum lebendigen Opfer
Sehen wir nun Römer 12,1 an:
Römer 12,1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Spüren Sie den Unterschied? „Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt" — Paulus steht hier gleichsam an der Stelle des Mose und redet zu uns. Mose redete damals zum Volk Israel; heute redet Paulus zu uns.
Unseren Leib hingeben: Dieser Leib ist das Geschenk, mit dem wir Gott nahen dürfen — als ein lebendiges Opfer. Paulus wählt eigens das Wort „lebendig", denn im dritten Buch Mose sind alle Opfer tot. Wenn schon das tote Opfer eine solche Wirkung hat, wie viel mehr das lebendige. Ein solcher Dienst, ein solches Nahen zum Herrn, ein solches Anbeten vor Gott ist vernünftig und selbstverständlich. Damit ist dieser Satz keine Parole mehr.
Wenn schon das tote Opfer eine solche Wirkung hat, wie viel mehr das lebendige.
Bei der Vorbereitung dieser Stunde habe ich viel Material und viele Auslegungen gelesen. Ich mag das dritte Buch Mose besonders, ich kann nicht sagen, warum. Dann kam mir plötzlich ein Gedanke: Könnte man es zusammen mit dem Römerbrief lesen? Denn beim Lesen des Römerbriefs fiel mir auf — Rechtfertigung aus Glauben, den Leib als lebendiges Opfer hingeben, heilig, Gott wohlgefällig: In Römer 12 steht viel priesterliche Sprache, und sie war Paulus vertraut. Wenn wir also das dritte Buch Mose lesen, werde ich immer wieder auf den Römerbrief verweisen.
Was heißt Rechtfertigung aus Glauben? Sie beseitigt nicht nur die Scheidewand zwischen uns und Gott, damit wir freimütig vor ihn treten können. Der weiterreichende Zweck im Römerbrief ist, dass die verheißene Herrlichkeit Gottes an uns geschehen soll, damit wir Anteil an seiner Heiligkeit bekommen. Wir verstehen die Rechtfertigung oft nur als Wegnahme der Sünde; ich nenne das „Sündentilgung aus Glauben". Die Wegnahme ist der zurückhaltende Zweck; der weiterreichende ist, dass die verheißene Herrlichkeit Gottes bei uns ist. Darin gleicht der Römerbrief dem dritten Buch Mose sehr.
Eine Schwester erzählte an dieser Stelle, ihr Bibelkreis werde im nächsten Halbjahr gerade den Römerbrief lesen; erst das dritte Buch Mose, dann der Römerbrief — die Reihenfolge passe genau, und Gott habe bei allem seine gute Absicht. Wenn wir nur von der Rechtfertigung sprechen, wird es manchmal zu eng; dass wir auch an die Sündentilgung und an den weiterreichenden Zweck erinnert werden, ist gut.
Darum frage ich mich: Komme ich vor Gott, damit er mir bloß die Sünde wegnimmt — oder bin ich wirklich bereit, dass seine Herrlichkeit an mir geschieht?
Schluss · Tanz mit dem Feuer
Das ganze dritte Buch Mose handelt vom Ritus, und im Ritus steht ein Element obenan: das Feuer. Aus dem Feuer am Sinai ist nun das Feuer der Wohnung geworden; aus dem Feuer, vor dem man sich fürchtete, ist ein heiliges Feuer geworden, von Zeltbahnen umschlossen. Wie dieses Feuer an den Leviten und im Dienst des Volkes wirkt, besprechen wir das nächste Mal.
Man darf das Buch also einen Tanz mit dem Feuer nennen. Ist Feuer furchtbar? Ja. Wenn wir mit diesem Gott tanzen, tun wir es mit Zittern. Das Feuer am Sinai erschreckte das Volk; doch durch die Stiftshütte, die Mose baute, wurde daraus die Herrlichkeit Gottes bei seinem Volk. Anders gesagt: Gott hat seinen Zorn eingegrenzt, um mit Menschen zu leben. Aber in dieser Wohnung gelten seine heiligen Ordnungen, und darum sagt er dem Volk, wie es ihm zu Gefallen leben soll. Er hat das verzehrende Feuer vorerst zurückgenommen und drückt es anders aus: Durch dieses Feuer sollt ihr vor mein Angesicht kommen.
Blicken wir auf diese Stunde zurück, so ist die mahnende Seite deutlich. Das dritte Buch Mose sagt uns: Die Heiligkeit hat eine Grenze, die Unreinheit hat Macht, und niemand kann Gott auf eigene Weise nahekommen. Gott regelt selbst das Kleinste in unserem Leben, denn wer im Kleinsten nicht geheiligt ist, an dem zeigt sich der Glaube nicht. Das größte Problem der Gemeinde heute ist nicht die Verfolgung, sondern die Angleichung an die Welt — diesen Satz habe ich in dem Rundbrief erwähnt, den ich an Prof. Wu Hsien-chang geschrieben habe. Vielleicht sagen Sie: Was geht mich ein so großes Problem der Gemeinde an? Genau darum geht es: Die Gemeinde besteht aus uns. Schritt für Schritt verstehen wir Gottes Wort nicht und halten es doch für Gottes Wort. In Spanien hörte ich Geschwister sagen: „Ich muss ja nur an Jesus glauben, die Gnade Christi ist ohnehin da." Das hat mich betrübt. Die Gemeinde ist kein Ort des Gefühls. Gewiss gibt es in ihr das Gefühl der Liebe, aber diese Liebe kommt aus der Wahrheit — Gottes heilige Liebe, seine erlösende Liebe, seine alles regierende Liebe. Von dieser Liebe sind wir angezogen.
Doch die Seite des Evangeliums ist noch deutlicher. Vor den Zehn Geboten steht ein Satz:
2. Mose 20,2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
Dieser Satz ist von größtem Gewicht. Hätte Gott uns nicht zuerst aus dem Sklavenhaus geführt, so wären die Zehn Gebote bloß Gesetz; steht aber diese Gnade davor, so werden sie zum Zeichen der Liebe. Sie sagen dem Volk im Hause Gottes, wie es nach seinem Sinn leben soll, und werden gerade so nicht zur Fessel. Es gibt keine Eltern, die ihren Kindern nicht das Beste sagen; keinen Freund, der schweigt, wenn er Sie fehlgehen sieht. Das kommt daher, dass Liebe dahintersteht — die Liebe der Eltern, die Liebe der Gefährten, die Liebe des Freundes. Gottes Ordnungen zeigen sein Wesen und ruhen ganz auf der Gnade der Liebe. Nimmt man das weg, bleibt nur Gesetzlichkeit.
In Christus haben wir also zu lernen, Gottes Wort in der Liebe zu bedenken. Auch wenn uns etwas schwerfällt und unserer Natur zuwiderläuft: Wenn die Schrift es so sagt, sollten wir fragen: Herr, was willst du in deiner Liebe an mir verändern? — und nicht widerspenstig werden und sagen: Schon wieder redest du mir hinein. Das sind zwei völlig verschiedene Lesarten. Ohne die Gnade des zweiten Buches Mose als Grund lesen Sie aus dem dritten nur einen Haufen umständlicher Vorschriften heraus. Vieles darin ist rituell und wird heute nicht mehr geübt; aber der Geist dahinter bleibt, und er steht in dem einen Satz: Ihr sollt unterscheiden zwischen heilig und alltäglich, zwischen rein und unrein.
Ein Bruder sagte, dass Gott uns aus der Stiftshütte ruft, sei ein schöner Hinweis. In der Welt entfernen wir uns oft immer weiter von ihm, in der Wüste vergessen wir ihn sogar; aber zu jeder Zeit ruft Gott uns, damit wir ihm nahen. Eine Schwester sagte, erst durch die Verbindung des dritten Buches Mose mit dem Neuen Testament habe sie verstanden, dass das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" aus 3. Mose 19,18 stammt —
3. Mose 19,18 Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.
Das Alte Testament ist der Schatten des Neuen, und im Neuen wird es an Jesus verwirklicht. Ein anderer Bruder sagte offen, in seinem Herzen ließen sich Altes und Neues Testament noch nicht verbinden. Das macht nichts, wir gehen den Weg gemeinsam weiter; nicht jeder ist ihn schon gegangen.
Auch ich habe bei der Vorbereitung überlegt, ob ich das dritte Buch Mose überspringen soll. Dann hat mich gerade jenes „Und" erinnert: Man darf es nicht abtrennen. Dieser ganze Durchgang war auch für meinen eigenen Glauben eine nicht geringe Ordnung der Gedanken.
Gott heißt uns bisweilen auf eine fast unbegreifliche Weise gehorchen. Warum Bibel lesen? Warum stille Zeit halten? Warum beten? Diese Fragen stellen unsere Haltung zum Dienst und zur Hingabe tiefer in Frage, denn dabei geht es um Gold und Silber, um unsere kostbare Zeit und unsere Dinge. Allzu oft verlassen wir uns auf unsere eigene Vorstellung und meinen, auf meine Weise komme ich Gott schon nahe. So ist es nicht. Lange habe ich überlegt, womit sich das Verlangen der Geschwister nach Gott wecken lässt; und dann half mir gerade dies, dass im dritten Buch Mose Gott ruft. Gott möge auch in Ihrem Leben immer wieder rufen. Und woran erkennt man, dass es Gottes Ruf ist? Allein am Lesen der Schrift. Wer die Schrift nicht liest, kann nicht unterscheiden, ob es das eigene Gefühl ist, die eigene Einbildung, eine literarische Empfindung — oder bloß ein Vorschlag für den Dienst. Darum sollt ihr unterscheiden zwischen heilig und alltäglich, zwischen rein und unrein.
Mögen wir in diesen Stunden: die wichtigsten Linien dieses Buches fassen — das Gesetz der Heiligkeit, die Grenze der Heiligkeit, die Gegenwart der Herrlichkeit — und sehen, wie Gott einen solchen Weg gebahnt hat.
Im Alten Testament steht ein totes Opfer, und dieses tote Opfer weist auf das Evangelium: das Blut Christi am Kreuz und seine Vollendung, die Tod und Auferstehung zustande brachten. Was das Brennen des Feuers hervorbringt, ist der liebliche Geruch, an dem Gott Wohlgefallen hat — damit auch wir unser Leben hingeben können als ein Zeichen.
Und möge die Gemeinde weder unter Verfolgung weichen noch durch Angleichung verblassen, sondern auch im Kleinsten geheiligt sein und miteinander seine Herrlichkeit bezeugen.