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Prophetenstudien · Die Völkersprüche

Tyrus: Aufstieg und Ende des Felsens im Meer

Tyrus (hebräisch צֹר Ṣōr, „Fels“) — Phöniziens Königin des Meeres: von drei Jahrtausenden Glanz zum Riff, auf dem Fischer ihre Netze trocknen. In der Linie der Schrift aber wurde die Stadt, über die die Propheten das Urteil sprachen, am Ende ein Ort, an dem Jesus wirkte — und an dem eine Gemeinde am Strand kniete und betete (Apg 21).

1. Eine Stadt auf einem Felsen im MeerGEOGRAPHY

Tyrus liegt an der Mittelmeerküste im Süden des heutigen Libanon, rund 35 Kilometer südlich von Sidon und 45 Kilometer nördlich des Karmel. Ihr hebräischer Name צֹר (Ṣōr) bedeutet „Fels“ — das ist keine Redefigur, sondern geographische Wirklichkeit: Das alte Tyrus bestand aus zwei Städten. Die eine lag am Festlandufer, „Alt-Tyrus“ genannt (Uschu; in griechischen Quellen Palaetyrus); die andere war auf einer Felseninsel etwa 600 bis 800 Meter vor der Küste gebaut, rings vom Meer umgeben, die Mauern stiegen unmittelbar aus dem Wasser auf — an ihrer höchsten Stelle, so wird berichtet, bis zu 45 Meter. Diese Doppelstadt ist der Schlüssel zur ganzen Geschichte von Tyrus und zugleich zu Hesekiel 26: Die Stadt auf dem Festland konnte erobert werden; an der Inselstadt im Meer aber biss sich ein Weltreich nach dem anderen die Zähne aus.

黎巴嫩山脈 香柏樹之地 黑門山 迦密山 利他尼河 加利利海 約旦河 腓 尼 基 加利利 亞蘭(大馬士革) 猶大山地 迦巴勒(比布羅斯) 貝魯特 西頓 撒勒法(王上17:9) 亞柯 大馬士革 耶路撒冷 推羅 TYRE(島城) 舊推羅(烏樹) 往迦太基・他施(西班牙) 往埃及・挪弗 基提(塞浦路斯) 大 海 The Great Sea(地中海) 02550 公里 (示意) 推羅與腓尼基海岸 Tyre and the Phoenician Coast 約主前9世紀|城市位置與距離為示意重繪
Abb. 1: Die Lage von Tyrus an der phönizischen Küste. Nördlich liegen Sidon und Byblos, südlich Akko und der Karmel, im Rücken das Libanongebirge mit seinen Zedern; ihre Handelsschiffe fuhren westwärts bis Karthago und Tarsis. (Kartenbeschriftung chinesisch–englisch.)

2. Das goldene Zeitalter: Hiram, Purpur und KarthagoGOLDEN AGE

Nach Herodot behaupteten die Priester von Tyrus, ihre Stadt sei 2300 Jahre vor seinem Besuch gegründet worden, also um 2750 v. Chr. Die eigentliche Blütezeit von Tyrus aber liegt im 10. bis 8. Jahrhundert v. Chr. König Hiram I. (reg. ca. 980–947 v. Chr.) verbündete sich mit David und Salomo, lieferte Zedern- und Zypressenholz, Gold und Handwerker und wirkte am Bau des Palastes und des Tempels in Jerusalem mit (2. Samuel 5,11; 1. Könige 5); der tyrische Meister Hiram goss mit eigener Hand die beiden bronzenen Säulen und das eherne Meer des Tempels (1. Könige 7,13–45). Diese Zusammenarbeit hat Tyrus tief in das Gedächtnis Israels eingewoben — im Tadel der Propheten über Tyrus schwingt oft der Schmerz über den Bundesbruch des „einstigen Verbündeten“ mit: Amos klagt, man habe „nicht an den Bruderbund gedacht“ (Amos 1,9).

Der Reichtum von Tyrus hatte zwei Quellen. Die erste war der tyrische Purpur: ein Farbstoff aus der Drüse der Purpurschnecke (Murex); Tausende von Schnecken waren für ein einziges Gewand nötig, so kostbar, dass die Farbe zum Inbegriff des Königtums wurde — daher das Wort „Königspurpur“. Die zweite war das Netz des Seehandels: Das berühmte Klagelied in Hesekiel 27 zeichnet Tyrus als ein Prachtschiff, gebaut aus dem Besten aller Völker; seine Frachtliste — Silber aus Tarsis, Bronze aus Jawan, Lämmer aus Arabien, Gewürze aus Saba — liest sich wie ein Gesamtkatalog des Welthandels im Alten Orient. Tyrus gründete auch Kolonien; die berühmteste ist Karthago, 814 v. Chr. von der geflohenen Prinzessin Elissa (Dido) gegründet — diese „Neustadt“ (Qart-ḥadašt) wurde später zur Mittelmeermacht, die mit Rom um die Vorherrschaft rang. Nebenbei: Isebel war die Tochter Etbaals, des Königs von Tyrus und Sidon (1. Könige 16,31); über diese Heirat zog der Baalskult nordwärts ein und wurde zum Hintergrund des geistlichen Kampfes in den Tagen Elias.

3. Der Schatten der Reiche: Assur und BabelASSYRIA & BABYLON

Vom 9. Jahrhundert v. Chr. an zahlte Tyrus Tribut an Assur. Salmanassar V. belagerte die Stadt fünf Jahre (ca. 725–720 v. Chr.), auch Asarhaddon und Assurbanipal zogen vor ihre Mauern — das festländische Alt-Tyrus wechselte mehrfach den Herrn, die Inselstadt aber fiel nie. Die eigentliche Langzeitprobe kam von Babel: Kurz nach dem Fall Jerusalems belagerte Nebukadnezar Tyrus dreizehn Jahre lang (ca. 586/585–573 v. Chr., nach Josephus, der den phönizischen Historiker Menander anführt). Am Ende erkannte Tyrus die Oberhoheit Babels an; Angehörige des Königshauses wurden weggeführt, und babylonische Verwaltungstexte verzeichnen einen König von Tyrus unter den Empfängern königlicher Rationen. Geplündert aber wurde die Inselstadt nicht — der Reichtum war längst über See fortgeschafft.

Hier liegt ein Detail, an dem niemand vorbeikommt, der die Propheten studiert. Hesekiel 29,17–20 — das am spätesten datierte Wort des ganzen Buches, 571 v. Chr. — hält ohne Umschweife fest: Nebukadnezar hat an Tyrus „keinen Lohn“ erhalten, darum gibt der HERR ihm Ägypten als Sold. Der Text selbst räumt ein, dass dreizehn Jahre Belagerung nicht die erwartete Beute brachten — und gerade diese ungeschminkte Ehrlichkeit ist ein starkes Indiz für die Glaubwürdigkeit des Buches: Wäre die Weissagung nachträglich erfunden, hätte ein Redaktor diese Spannung mühelos glätten können. Zugleich zeigt sie, dass das Bild von Kapitel 26 — „viele Völker, wie das Meer seine Wellen heraufführt“ (26,3) — von vornherein nicht einen einzelnen Feldzug meint: Nebukadnezar war nur die erste Welle.

„Darum, so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an dich, Tyrus, und will viele Völker gegen dich heraufführen, wie das Meer seine Wellen heraufführt. Die sollen die Mauern von Tyrus zerstören und seine Türme abbrechen; ja, ich will sogar seine Erde von ihm wegfegen und will einen nackten Fels aus ihm machen, einen Platz im Meer, an dem man Fischnetze aufspannt …“ — Hesekiel 26,3–5 (Gotteswort von 587/586 v. Chr.)

4. 332 v. Chr.: Alexander schüttet das Meer zuALEXANDER, 332 BC

Die zweite und heftigste Welle brandete rund 254 Jahre nach Hesekiels Weissagung heran. 332 v. Chr. verlangte Alexander auf seinem Feldzug nach Osten Einlass in die Inselstadt, um dem Melkart (dem Baal von Tyrus) zu opfern; Tyrus lehnte höflich ab — man hielt die Insel nach wie vor für uneinnehmbar. Alexanders Antwort schrieb die Geographie um: Da er keine Flotte hatte, befahl er, die Trümmer des alten Tyrus auf dem Festland — Steine, Balken, Schutt — ins Meer zu schütten und einen Damm zur Insel zu bauen (eine Mole), rund 60 Meter breit und fast einen Kilometer lang. Die Historiker Arrian und Curtius haben das Unternehmen festgehalten; wer Hesekiel 26,12 gelesen hat — „sie … werden deine Steine und die Balken und den Schutt ins Meer werfen“ —, wird unwillkürlich innehalten: In 26,8–11 beschreibt ein „er“ im Singular den Angriff Nebukadnezars; von 26,12 an steht der Plural „sie“ — und die buchstäbliche Tat des „Ins-Meer-Werfens“ wurde von der zweiten Angriffswelle vollbracht.

Die Belagerung dauerte sieben Monate. Als die Tyrer den ersten Damm mit Brandschiffen zerstörten, zog Alexander aus den bereits unterworfenen Städten Sidon, Byblos und Arados sowie aus Zypern 223 Kriegsschiffe zusammen, sperrte beide Häfen und errichtete am Kopf des Dammes zwei etwa 50 Meter hohe, mit frischen Häuten gegen Feuer geschützte Belagerungstürme — den Berichten zufolge die höchsten der antiken Kriegsgeschichte. Im Juli 332 v. Chr. wurde die Südmauer durchbrochen; die Makedonen drangen zugleich durch die Bresche und von See her ein. Sechs- bis achttausend Verteidiger fielen, zweitausend wurden am Strand gekreuzigt, rund dreißigtausend Einwohner in die Sklaverei verkauft; verschont blieben nur König Azemilkos und wenige, die in den Melkart-Tempel geflohen waren. Die Felsenstadt im Meer war zum ersten Mal gefallen.

舊推羅(烏樹) 石頭、木料、塵土 被拆下填海(結26:12) 堤道(長近1公里・寬約60公尺) 攻城塔(高約50公尺) 美刻爾神廟 西頓港(北) 埃及港(南) 城牆自海中直立・高約45公尺 腓尼基・塞浦路斯聯合艦隊 223 艘,封鎖南北兩港 南牆缺口・最後總攻 A 主前332年・七個月圍城 古島岸線(虛線) 蘇爾舊城 亞歷山大堤道走向 沙洲(tombolo) 曬網的礁石 海濱考古區(羅馬柱廊) 巴斯遺址:凱旋門・競技場 今日市區 B 今日・島已成半島(蘇爾) 亞歷山大的堤道攔沙淤積,兩千三百年後島城成了半島——地貌本身成為歷史的見證
Abb. 2: Vor und nach der Belagerung. Links: 332 v. Chr. schüttet Alexander mit den Steinen, Balken und dem Schutt des alten Tyrus einen Damm auf, Flotte und Belagerungstürme schließen den Ring. Rechts: Der Damm fängt die Küstendrift; in 2300 Jahren wuchs daraus eine breite Nehrung — das heutige Sur ist eine Halbinselstadt. (Kartenbeschriftung chinesisch–englisch.)

5. Das Evangelium kommt nach Tyrus: die Spur Jesu und ein Ort des GebetsTHE GOSPEL COMES TO TYRE

Bemerkenswert ist: Tyrus verschwand 332 v. Chr. nicht von der Landkarte. Alexander siedelte neue Bewohner an, die Stadt erholte sich in hellenistischer Zeit, und unter Rom wurde sie Hauptstadt der Provinz Phönizien mit dem Rang einer colonia. Die eindrucksvollsten Ruinen des heutigen Sur stammen großteils aus dieser Epoche: ein Hippodrom von etwa 480 Metern Länge für Zehntausende (eines der größten der Antike), ein mächtiger Ehrenbogen, Kolonnadenstraßen und Gräberfelder — 1984 nahm die UNESCO sie in das Welterbe auf. Und eben in diesem römischen Tyrus schlägt die biblische Erzählung ein neues Kapitel auf.

Jesus selbst betritt das Land des Urteilsspruchs

Die Evangelien geben Tyrus mehr Gewicht, als man erwartet. Zuerst kommen die Tyrer zu Jesus: Markus berichtet, dass eine große Menge „aus der Umgebung von Tyrus und Sidon“ zu ihm kam, „da sie von seinen Taten hörten“ (Markus 3,8; vgl. Lukas 6,17) — die heidnische Seestadt, über die das Urteil gesprochen war, erscheint auf der Liste derer, die ihn suchen. Dann geht Jesus selbst hin: Er verlässt Galiläa und „entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon“ (Matthäus 15,21; Markus 7,24) — der nördlichste Weg, den die Evangelien von Jesus berichten, mitten in das Land, über das Hesekiel geweissagt hatte. Dort fleht die syrophönizische (kanaanäische) Frau für ihre Tochter, und Jesus rühmt sie: „Frau, dein Glaube ist groß“ (Matthäus 15,28). Der große Glaube einer Heidin wird im Gebiet von Tyrus vom Herrn selbst besiegelt — ein Vorzeichen, dass das Evangelium die Grenzen Israels überschreiten wird. Und Jesus sagte: Wären die Taten von Chorazin und Betsaida „in Tyrus und Sidon geschehen, sie hätten längst in Sack und Asche Buße getan“; darum wird es „Tyrus und Sidon erträglicher ergehen am Tage des Gerichts“ (Matthäus 11,21–22; Lukas 10,13–14) — im Munde des Herrn wird die verurteilte Stadt zum Maßstab, an dem der Unglaube des erwählten Volkes gemessen wird.

Apostelgeschichte 21: ein Ort des Gebets

In der Apostelgeschichte ist Tyrus längst nicht mehr bloß Missionsziel, sondern eine verwurzelte Glaubensgemeinde. Am Ende der dritten Reise löscht das Schiff in Tyrus seine Ladung; Paulus „fand die Jünger und blieb sieben Tage dort“ (Apostelgeschichte 21,4) — die Wendung „fand die Jünger“ zeigt, dass es dort schon lange eine Gemeinde gab, vermutlich eine Frucht jener, die nach dem Tod des Stephanus zerstreut wurden und „bis nach Phönizien“ zogen und das Wort verkündigten (Apostelgeschichte 11,19). Diese Jünger, vom Geist bewegt, rieten Paulus, nicht nach Jerusalem hinaufzuziehen; der Abschied gehört zu den bewegendsten Bildern des Buches: „Und sie geleiteten uns alle mit Frauen und Kindern bis hinaus vor die Stadt, und wir knieten am Ufer nieder, beteten und nahmen Abschied voneinander“ (Apostelgeschichte 21,5–6). Die Gläubigen der ganzen Stadt, mit Frauen und Kindern, knien am Strand und beten gemeinsam — jener Sand lag womöglich unmittelbar neben der Nehrung, die Alexanders Damm aufgeworfen hatte. Der Strand, dem der Prophet den „Platz, an dem man Fischnetze aufspannt“ angekündigt hatte, ist ein Ort des Gebets geworden; die Netze auf den Felsen und die kniende Gemeinde liegen an derselben Küste übereinander. Und die Linie läuft weiter: Der Kirchenvater Origenes wurde in Tyrus begraben; um 315 n. Chr. hielt Eusebius von Cäsarea bei der Einweihung der großen Basilika von Tyrus eine der berühmtesten Predigten der frühen Kirchengeschichte.

6. Das Ende: die lange Stille nach 1291THE END

Die Kreuzfahrer nahmen Tyrus 1124; noch einmal wurde die Stadt bedeutend: Krönungskirche des lateinischen Königreichs Jerusalem, Sitz des Chronisten Wilhelm von Tyrus als Erzbischof; nach dem Tod Barbarossas auf dem dritten Kreuzzug wurden seine Gebeine, so wird berichtet, in der Kathedrale von Tyrus beigesetzt. Doch nach dem Fall von Akko im Mai 1291 räumte die Besatzung Tyrus kampflos; der Mamlukensultan al-Aschraf Chalil ließ sämtliche Befestigungen niederreißen, damit die Kreuzfahrer nie wiederkämen. Auch die Purpurindustrie, die Tyrus über zwei Jahrtausende getragen hatte, erlosch danach.

Diesmal starb die Stadt wirklich — und für lange Zeit. 1355 kam Ibn Battuta vorbei und notierte „eine Trümmerstätte“; als der englische Gelehrte Henry Maundrell 1697 die Stätte besuchte, fand er nur „eine Handvoll Familien, die vom Fischfang leben“. Die Reisenden sahen auf den Klippen die ausgebreiteten Netze der Fischer — so wurde Hesekiel 26,5.14, der „Platz, an dem man Fischnetze aufspannt“, zur meistzitierten Szene der apologetischen Literatur. Erst um 1750 begann der örtliche Scheich Nasif al-Nassar mit dem Wiederaufbau; Ende des 19. Jahrhunderts zählte der Ort etwa fünftausend Einwohner. Das heutige Sur ist die fünftgrößte Stadt des Libanon, rund sechzigtausend Menschen im Stadtgebiet, Fischereihafen und Ruinenstadt des Südens — und in den Kriegen der jüngsten Zeit (2006; 2023–24) immer wieder getroffen.

ca. 2750 v. Chr.
Traditionelles Gründungsdatum (Herodot nach den Priestern von Tyrus).
10. Jh. v. Chr.
Hiram I. im Bund mit David und Salomo, Mitwirkung am Tempelbau; Beginn des goldenen Zeitalters.
814 v. Chr.
Prinzessin Dido gründet Karthago.
ab 725 v. Chr.
Wiederholte Belagerungen durch Assur; die Insel fällt nicht, das Festland wird verwüstet.
586–573 v. Chr.
Dreizehn Jahre Belagerung durch Nebukadnezar; Tyrus wird tributpflichtig. Die Worte Hesekiel 26–28 ergehen etwa in dieser Zeit.
332 v. Chr.
Alexander bricht die Inselstadt über den Damm; Blutbad und Versklavung, aus der Insel wird eine Halbinsel.
ab 64 v. Chr.
Unter Rom; später Hauptstadt der Provinz Phönizien — die Zeit von Hippodrom und Ehrenbogen.
1. Jh. n. Chr.
Jesus betritt das Gebiet und rühmt den Glauben der kanaanäischen Frau; in Apg 21 knien die Jünger von Tyrus mit Frauen und Kindern am Strand und beten mit Paulus — die verurteilte Stadt ist ein Ort des Gebets geworden.
1124 n. Chr.
Eroberung durch die Kreuzfahrer; bedeutende Stadt des lateinischen Königreichs.
1291 n. Chr.
Die Mamluken besetzen die Stadt und schleifen die Befestigungen; Tyrus verödet, die Purpurindustrie endet.
1355 / 1697
Ibn Battuta sieht „eine Trümmerstätte“; Maundrell findet wenige Fischerfamilien mit ihren Netzen.
ab 1750
Langsamer Wiederaufbau als Fischerort Sur.
1984
Die römischen Ruinen werden Weltkulturerbe; heute fünftgrößte Stadt des Libanon.

7. Hesekiel 26 und das Echo der GeschichtePROPHECY & HISTORY

Die Ansage in Hesekiel 26Das Echo der Geschichte
„viele Völker gegen dich heraufführen, wie das Meer seine Wellen heraufführt“ (26,3)Babel, Persien, Griechenland, Rom, Kreuzfahrer, Mamluken — die Angreifer kamen tatsächlich Welle um Welle, über neunzehn Jahrhunderte.
Nebukadnezar, der König von Babel, wird mit Sturmböcken „deine Mauern“ brechen (26,7–11; Singular „er“)Dreizehn Jahre Belagerung 586–573 v. Chr.; das Festland verwüstet, die Insel tributpflichtig. 29,17–20 räumt ein, dass er keine Beute erhielt.
„sie … werden deine Steine und die Balken und den Schutt ins Meer werfen“ (26,12; nun Plural „sie“)332 v. Chr. schüttet Alexander die Trümmer des alten Tyrus ins Meer und baut den Damm — das „Ins-Meer-Werfen“ im buchstäblichen Sinn.
„seine Erde von ihm wegfegen … ein nackter Fels … ein Platz, an dem man Fischnetze aufspannt“ (26,4–5.14)Jahrhunderte nach 1291 berichten Reisende von Fischern, die zwischen den Trümmern ihre Netze trocknen (Maundrell, 1697).
„du sollst nicht wieder gebaut werden; denn ich, der HERR, habe geredet“ (26,14)Siehe die Erörterung unten.

Zu 26,14 — „du sollst nicht wieder gebaut werden“ — muss eine ehrliche Untersuchung einer Tatsache ins Auge sehen: Das heutige Sur ist eine lebendige Stadt. Forschung und Auslegungstradition kennen im Wesentlichen drei Wege. Erstens: Gemeint ist das Ende jenes Tyrus, der Königsstadt und Seefestung — dieser Stadtstaat, dieses politische und kommerzielle Gebilde ist nach 332 (spätestens 1291) nie zurückgekehrt; zwischen dem heutigen Sur und der einstigen Königin des Meeres besteht keinerlei Kontinuität. Zweitens: Die Weissagung ziele auf das festländische Alt-Tyrus, das als Baumaterial im Damm verschwand — es ist tatsächlich nie wieder aufgebaut worden. Drittens: Kapitel 26 sei in der Sprache der Propheten als Typus der „völligen Verwüstung“ zu lesen (vgl. die ähnlichen Wendungen der Sprüche über Babel und Edom), dessen Erfüllung sich in der Geschichte schrittweise entfaltet und auf die endzeitliche Vollendung weist. Alle drei Lesarten haben Anhalt am Text — und alle drei erinnern daran: Ein Prophetenwort will keinen abhakbaren Bauzeitenplan liefern, sondern die Herrschaft des HERRN über die stolze Stadt ausrufen. Genau das ist das Thema des Wortes über den König von Tyrus in Kapitel 28: „Weil sich dein Herz erhob, dass du so schön warst“ (28,17). Auch Jesaja 23 legt die Last auf Tyrus — endet aber mit einer überraschenden Wende: Nach siebzig Jahren wird ihr Gewinn „dem HERRN geweiht werden“ (Jesaja 23,18). Am Ende des Gerichts steht der Ausblick auf die Völker, die zum HERRN kommen; Psalm 87,4 zählt Tyrus ausdrücklich zu denen, die den HERRN kennen.

Schluss: Die Schrift als Hauptlinie, das historische Ende als NebenlinieTHE BIBLICAL VANTAGE POINT

Am Ende dieses Weges muss die Ordnung stimmen: Die historischen Belege der Abschnitte 6 und 7 — der Damm, die Trümmer, die Fischer mit ihren Netzen — sind wertvolle Nebenzeugen, aber eben Nebenlinien; die Hauptlinie ist die Erzählung, die die Schrift selbst über Tyrus führt. Diese Linie bildet einen vollständigen heilsgeschichtlichen Bogen: Hiram baut mit Salomo am Tempel (Könige); die Propheten sagen der stolzen Stadt das Gericht an (Jesaja 23; Hesekiel 26–28; Amos 1,9–10; Sacharja 9,2–4); Jesus selbst betritt das verurteilte Land, lehrt, heilt und besiegelt den großen Glauben einer heidnischen Frau (Markus 7; Matthäus 15); und in Apostelgeschichte 21 gibt es in Tyrus eine Gemeinde, die mit Frauen und Kindern am Strand kniet und betet. Psalm 87,4 hatte längst angekündigt, dass Tyrus unter denen gezählt wird, die den HERRN kennen; Jesaja 23,18, dass ihr Gewinn am Ende „dem HERRN geweiht“ sein wird — erfüllt haben sich diese Worte nicht im römischen Hippodrom, sondern in den Jüngern, die am Ufer knieten.

Anders gesagt: Wer Hesekiel 26 nur mit Alexanders Damm liest, liest den Propheten zu klein. Das historische Ende zeigt: Kein Wort, mit dem Gott den Hochmut richtet, fällt zu Boden. Die Hauptlinie der Schrift sagt darüber hinaus: Das Gericht ist nie Gottes letztes Wort an die Völker. Das „Ende“ von Tyrus ist im Kanon nicht der nackte Fels, sondern die Gemeinde, die auf dem Felsen betet — niedergerissen wurde der Stolz der Königin des Meeres, aufgebaut wird der Leib Christi. Das ist zugleich die Auslegungsregel dieser Reihe: Alles historische und archäologische Material wird zuletzt in das Ganze des Kanons und den Gang der Heilsgeschichte zurückgestellt und dort gewogen.

8. Fotografien, Gemälde und KartenIMAGES & MAPS

Die folgenden Links führen zu Fotografien, historischen Gemälden und Satellitenkarten (Abb. 1 und 2 im Text sind schematische Zeichnungen).

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